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Wenn nichts vorwärts geht - Neuroplastischer Schmerz?

  • 21. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Jan.


Neuroplastischer Schmerz

Aber was ist neuroplastischer Schmerz? Auch noziplastischer Schmerz genannt - es handelt sich hier um eine Schmerzwahrnehmung des Gehirns, obwohl keine akute Gewebe- oder Nervenschädigung (mehr) vorliegt.


Unser Gehirn ist in der Lage, jedes somatische Gefühl in jedem Teil des Körpers zu erzeugen: Schmerzen im Rücken, Nacken, in den Augen oder Zähnen. Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, stechende oder dumpfe Schmerzen. Engegefühl, Kribbeln, Brennen, Taubheit. Wenn Sie irgendwo im Körper ein unangenehmes Gefühl verspüren, ist es durchaus möglich, dass es neuroplastisch ist.




  1. Wie verbreitet ist neuroplastischer Schmerz?


Die meisten chronischen Schmerzen sind neuroplastisch. Es gibt jedoch auch chronische Schmerzerkrankungen, die durch körperliche Probleme wie Tumore, Infektionen, Brüche und Autoimmunerkrankungen verursacht werden können.


Da sich jeder Schmerz so anfühlt, als käme er aus dem Körper, ist es oft schwer zu unterscheiden, ob der Schmerz körperlich verursacht oder neuroplastisch ist. Glücklicherweise gibt es bestimmte Anzeichen, die auf neuroplastische Schmerzen deuten. Hier sind einige Indikatoren, die dir helfen können, dies festzustellen.


Es gibt bestimmte Muster, welche auf einen neuroplastischen Schmerz hinweisen können. Hier sind die häusigsten:


  • Schmerzen begannen in einer stressigen Zeit

Etwa die Hälfte der Patienten, bekommen ihre Schmerzen erstmals in einer besonders stressigen Phase. Vielleicht war der Job sehr intensiv, vielleicht gab es ein Baby, finanzielle Sorgen oder kürzlich einen Verlust. Dieser Stress versetzt das Gehirn in Alarmbereitschaft und kann Schmerzen auslösen. Wenn deine Symptome in einer Stressphase begannen, deutet das auf neuroplastische Schmerzen hin.


  • Schmerzen entstanden ohne Verletzung

Wenn deine Schmerzen auftraten, ohne dass zuvor eine Verletzung vorlag, ist das ein Hinweis auf neuroplastische Schmerzen.

Was ist, wenn du dich doch verletzt hast? Natürlich können neuroplastische Schmerzen auch nach einer Verletzung entstehen. Eine Zerrung beim Fußball, ein verletzter Nacken bei einem Autounfall, oder ein Knochenbruch.

Anfangs waren die Schmerzen angemessen und auf eine tatsächliche Gewebeschädigung zurückzuführen. Aber nachdem die Verletzungen verheilt waren, blieben die Schmerzen bestehen – sie wurden neuroplastisch und hatten sich buchstäblich ins Hirn eingebrannt. Wenn deine Schmerzen also nach einer Verletzung entstanden und die Heilung abgeschlossen ist, sind sie wahrscheinlich neuroplastisch.


  • Symptome sind inkonsistent

Oft zeigen Patienten mit neuroplastischen Schmerzen ungleichmässige Symptome. Wenn also jemand beim Spazieren manchmal Schmerzen empfindet und manchmal nicht. Oder beim Autofahren immer wieder eine unterschiedliche Schmerzintensität auftritt. Oder wenn unter der Woche starke Schmerzen wahrnehmbar sind, sich am Wochenende aber kaum Beschwerdenzeigen.


Solche Schwankungen sind ein grosses Zeichen für neuroplastische Schmerzen. Strukturell verursachte Schmerzen zeigen normalerweise keine solche Variation.


  • Viele verschiedene Symptome

Manche Menschen mit neuroplastischen Schmerzen haben Beschwerden in mehreren Körperteilen. Vorausgesetzt, es liegt keine systemische Erkrankung wie Multiple Sklerose, Mukoviszidose oder Lupus vor, deutet dies auf neuroplastische Schmerzen hin. Dass jemand gleichzeitig 3 oder 4 unabhängige körperliche Beschwerden hat, ist extrem unwahrscheinlich; eine einzige Ursache – neuroplastischer Schmerz – ist weit plausibler.


  • Symptome breiten sich aus / wandern

Wenn ein Schmerz an einer bestimmten Stelle auftritt und sich dann nach und nach ausbreitetet, oder wenn sich die Symptome im Verlauf verbreiten, deutet das auf neuroplastische Schmerzen hin.


Ebenso springen neuroplastische Schmerzen manchmal von einem Bereich auf einen anderen: Beispielsweise schmerzt an einem Tag das linke Bein, am nächsten das rechte; morgens der Lendenbereich, nachmittags der Brustbereich. So verhalten sich strukturell verursachte Schmerzen nicht.


  • Symptome werden durch Stress ausgelöst

Werden deine Schmerzen schlimmer, wenn du zu spät zu einem Termin kommst? Beim Streit mit deinem Partner? Wenn dich dein Chef kritisiert hat?

Wenn Schmerzen in Stressphasen auftreten oder sich verstärken, spricht das für neuroplastische Schmerzen.


Andererseits, wenn du dich bei einer Aktivität richtig amüsierst, kann es sein, dass deine Schmerzen nachlassen – sei es bei einem gemütlichen Beisammensein, an einer Comedy Show oder beim Spielen mit Kindern... All dies sind ebenfalls ein Hinweise darauf, dass du neuroplastische Schmerzen hast.


  • Auslöser, die nichts mit deinem Körper zu tun haben

Dann gibt es auch konditionierte Reaktionen – Situationen, in denen Schmerzen mit einem neutralen Auslöser verbunden werden. Häufig sind dies bestimmte Körperhaltungen oder Aktivitäten, aber manchmal können diese auch mit anderen Auslösern verknüpft sein. Dies kann sich dadurch zeigen, dass ein Schmerz vom Wetter, von Geräuschen, Gerüchen oder der Tageszeit abhängig sind (Schmerzen, die morgens schlimmer sind oder nur nachts auftreten).


Wenn Schmerzen durch etwas ausgelöst werden, das mit deinem Körper nichts zu tun hat, ist das ein klares Zeichen für neuroplastische Schmerzen.


  • Symmetrische Symptome

Wenn Schmerzen in denselben Körperstellen auf beiden Seiten – beide Handgelenke, beide Fußgelenke, beide Daumen auftauchen, handelt es sich um ein weiteres Indiz. Es ist sehr unwahrscheinlich, gleichzeitig auf beiden Seiten ein körperliches Problem zu entwickeln.


  • Verzögerter Schmerz

Manchmal treten die Beschwerden bei neuroplastischen Schmerzen erst nach einer Aktivität auf. Wenn die chronischen Rückenschmerzen nicht während dem Wandern, sondern erst ein paar Stunden danach auftreten. Ein solcher verzögerter Beginn ist bei strukturell verursachten Schmerzen ungewöhnlich.




  1. Schmerz durch Konditionierung oder Traumas


Menschen, die in ihrer Kindheit Traumata wie Missbrauch und Vernachlässigung erlebt haben, entwickeln als Erwachsene häufiger chronische Schmerzen. Es müssen jedoch nicht immer grosse Traumata sein – alles, was in der Kindheit Unsicherheit hervorruft, kann neuroplastische Schmerzen begünstigen.


Vielleicht hatten Sie eine ängstliche Mutter, die immer vom Schlimmsten ausging. Oder einen kritischer Vater, der Sie glauben liess, nie gut genug zu sein. Vielleicht war der Vater Alkoholiker und unberechenbar, die Mutter depressiv und Sie haben sich um sie gekümmert. Vielleicht haben Sie wenig Aufmerksamkeit erfahren, weil die ältere Schwester bevorzugt wurde. Oder Ihr Zuhause war relativ frei von Traumata, aber Sie wurden in der Schule gemobbt, waren auf einem leistungsorientierten Gymnasium oder wurden in sozialen Medien ausgegrenzt.

Durch solche Erfahrungen wird die Welt oft als gefährlich wahrgenommen, was die Anfälligkeit für neuroplastische Schmerzen erhöht.



  1. Häufige Persönlichkeits-Merkmale für neuroplastischen Schmerz


Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale finden sich häufig bei Menschen mit neuroplastischen Schmerzen. So finden sich viele Schmerzpatienten die selbstkritisch sind, sich unter Druck setzen oder Sorgen machen. Hier sind weitere typische Eigenschaften:


  • Perfektionismus – Wenn jemand zwanzig Minuten an einer dreizeiligen E-Mail schreibt, weil der Ton genau passen soll.

  • Gewissenhaftigkeit – Wenn jemand die ganze Nacht am Gruppenprojekt arbeitet, um sicherzustellen, dass alle die Bestnote bekommen.

  • Bedürfnis, es allen recht zu machen – Ja zu sagen zu Dingen, die man eigentlich gar nicht will, um niemanden zu enttäuschen.

  • Ängstlichkeit – Immer darauf bedacht alles richtig zu machen und sicherzustellen, dass nichts passiert.

  • Wenn man sich bewusst oder unbewusst schuldig fühlt.


Es überrascht wenig, dass all diese Eigenschaften mit neuroplastischen Schmerzen in Verbindung stehen, da sie das Gehirn jeweils auf unterschiedliche Weise in Alarmbereitschaft versetzen.


  1. Fazit


Keine körperliche Diagnose

Dass Ärzte keine klare Ursache finden, ist ein starkes Zeichen dafür, dass es sich um neuroplastische Schmerzen handelt. Aber auch wenn es eine Diagnose gibt, bedeutet nicht das Gegenteil: Die meisten Schmerzpatienten, haben irgendwann eine körperliche Diagnose bekommen (oft sogar mehrere). Ärzte sind darauf trainiert, nach strukturellen Ursachen zu suchen, weshalb sie oftmals ein körperliches Problem als Verursacher sehen, auch wenn es das nicht ist.

Wenn du allerdings schon einmal von deinem Arzt gehört hast: „Wir finden nichts“, ist das ein eindeutiger Hinweis auf neuroplastische Schmerzen.


Wie geht es weiter?

Vielleicht erkennen Sie sich in einigen dieser Punkte wieder oder sogar in allen – das deutet darauf hin, dass Ihre Schmerzen wahrscheinlich neuroplastisch sind. Aber selbst wenn nichts davon auf Sie zutrifft, ist es trotzdem möglich neuroplastische Schmerzen zu haben, denn sie imitieren sehr gut körperlich verursachte Schmerzen. Oft entdecken Patienten erst während einer neuroplastisch orientierten Therapie, dass ihre Schmerzen neuroplastisch sind.


Erfahren Sie in einem persönlichen Gespräch, wie eine Hypnose Therapie und zusätzliche Selbsthilfe Werkzeuge Schmerzen lindern und sehr oft sogar komplett auflösen können.


Studien

Prof. Dr. med. Siegfried Mense

Institut für Anatomie und Zellbiologie


Referenzen



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